Stell dir vor, du stehst vor deiner Mutter und reichst ihr ein schön verpacktes Geschenk. Sie strahlt und sagt: „Das schöne rote Papier hast du aber toll ausgesucht!“ Du lächelst – und hattest absolut keine Ahnung, ob das Papier rot, grün oder vielleicht doch blau war.
Oder du stehst morgens vor dem Kleiderschrank und möchtest wissen, ob das Hemd marineblau ist oder doch das Schwarze damit es zur Hose passt. Für Sehende eine Kleinigkeit. Für mich als Blinder war das lange ein echtes Frust-Thema.
In diesem ausführlichen Erfahrungsbericht erzähle ich, warum Smartphone-Apps bei mir kläglich versagt haben, was ich auf der SightCity alles getestet habe und warum ich mich 2008 für den ColorTest 2000 deLuxe / Memo entschieden habe – und wie er sich bis heute bewährt.
Warum ich unbedingt ein Farberkennungsgerät wollte
Das Leben als Blinder bringt viele kleine Abhängigkeiten mit sich. Bei Kleidung kam ich mit Textilmarkierern und meinem bewährten Knopf-System ganz gut zurecht. Aber sobald es um andere Dinge ging, wurde es frustrierend.
- Ist die neue Tischdecke rot oder blau?
- Welche Farbe hat das Geschenkpapier, das ich meiner Mutter mitgebracht habe?
- Ist die Paprika im Kühlschrank grün oder doch rot?
- Passt die neue Deko-Vase farblich zur Couch?
Ich wollte endlich mehr Selbstständigkeit. Besonders eine peinliche Situation hat mir den letzten Schubs gegeben: Ich hatte mir ein neues Hemd gekauft und trug es stolz zur Familienfeier. Erst dort erfuhr ich von meiner Schwester, dass es knallpink war – ich dachte, es wäre ein dezentes Bordeaux-Rot. Das Lachen am Tisch war herzlich, aber mir reichte es. Ich wollte nie wieder auf fremde Hilfe angewiesen sein, wenn es um Farben geht.
Warum Smartphone-Apps bei mir komplett versagt haben
2008 dachte ich noch: Warum extra ein Gerät kaufen, wenn ich das Smartphone sowieso immer dabei habe? Ich habe mehrere Apps ausprobiert: Color Identifier, Color ID Free und Color Blind Pal.
Die Ernüchterung kam schnell. Die Ergebnisse waren stark abhängig von Lichtverhältnissen. Mal erkannte die App ein blaues Shirt als Schwarz, mal einen roten Pullover als Braun. Bei seitlichem Licht oder in meinem Wohnzimmer mit Mischbeleuchtung waren die Ergebnisse oft unbrauchbar. Für mich keine verlässliche Lösung.
Auf der SightCity – Europas größte Hilfsmittelmesse
Zum Glück gibt es jedes Jahr die SightCity in Frankfurt. Ich habe mir bewusst mehrere Farberkennungsgeräte angeschaut und ausführlich getestet – unter anderem den Cobolt Speechmaster, den Colorino und einige weitere Modelle.
Im direkten Vergleich wurde schnell klar: Viele Geräte waren schneller, aber deutlich ungenauer, besonders bei mehrfarbigen Stoffen oder wechselnden Lichtbedingungen.
Warum ich mich für den ColorTest 2000 deLuxe / Memo entschieden habe
Nach intensivem Testen hatte ich einen klaren Favoriten: den ColorTest 2000 deLuxe / Memo.
Das hat mich besonders überzeugt:
- Sehr stabile und präzise Farberkennung – weitgehend unabhängig von Lichtverhältnissen
- Kompakte Größe und angenehmes Gewicht für den Alltag
- Intuitive Bedienung mit Sprachausgabe
- Vielfältige Zusatzfunktionen (Mehrfarben-Modus, Geldscheinerkennung, Farbmusterspeicher etc.)
Die besten Funktionen im Alltag
Was den ColorTest wirklich stark macht, sind die praktischen Möglichkeiten:
- Mehrfarben-Erkennung: Ich kann einfach mit dem Gerät über ein ganzes buntes Kleidungsstück fahren. Danach sagt er mir alle enthaltenen Farben. Endlich konnte ich selbst entscheiden, ob ein Outfit zusammenpasst. Ein Highlight war, als ich das erste Mal ohne Hilfe ein komplett farblich abgestimmtes Outfit für eine Hochzeit zusammengestellt habe – das Gefühl von Unabhängigkeit war unbezahlbar.
- Geldscheine erkennen: Super praktisch beim Einkaufen oder wenn ich Wechselgeld sortiere.
- Farbmuster speichern mit Sprachnotiz: Zum Beispiel „Lieblingskrawatte blau-grau“ oder „Sofakissenbezug Wohnzimmer“. Das nutze ich bis heute sehr gerne.
- Lichterkennung: Er sagt mir nicht nur, ob Licht brennt, sondern auch wie hell es ist – praktisch, wenn ich prüfen will, ob ich alle Lampen ausgemacht habe.
Hier findest du die Bedienungsanleitung des ColorTest 2000 deLuxe / Memo (PDF).
Vor- und Nachteile des ColorTest 2000
| Kriterium | Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|
| Farberkennung | 9/10 | Immer noch sehr stabil, auch bei schwierigen Lichtverhältnissen |
| Bedienung | 8/10 | Intuitiv, kurze Einarbeitungszeit |
| Lichtunabhängigkeit | 9/10 | Deutlicher Vorteil gegenüber Apps |
| Mehrfarben-Modus | 9/10 | Besonders praktisch im Alltag |
| Preis-Leistung | 7/10 | Teurer, aber durch Krankenkasse oft finanzierbar |
| Sprachausgabe | 6/10 | Klingt etwas blechern und altmodisch |
Die Kosten
In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für solche Hilfsmittel bei nachgewiesener Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung (manchmal auch bei starker Farbenblindheit).
So bin ich vorgegangen:
- Rezept vom Augenarzt geholt
- Kostenvoranschlag vom Hilfsmittelanbieter eingeholt
- Beides bei der Krankenkasse eingereicht
- Nach Prüfung wurde der ColorTest 2000 genehmigt
Am Ende hatte ich nur die gesetzliche Zuzahlung von 10 €. Es lohnt sich wirklich, das zu prüfen!
Mein Fazit
Der ColorTest 2000 deLuxe / Memo hat mir ein großes Stück Selbstständigkeit zurückgegeben. Er ist nicht perfekt – die Sprachausgabe klingt etwas blechern, Aber für Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit ist er immer noch eine der besten Lösungen.
Wer Wert auf Unabhängigkeit legt und bereit ist, den Antrag bei der Krankenkasse zu stellen, dem kann ich das Gerät auch heute noch empfehlen.
FAQ – Häufige Fragen
- Funktioniert der ColorTest besser als Apps? Ja, deutlich zuverlässiger, besonders bei wechselnden Lichtverhältnissen.
- Übernimmt die Krankenkasse das Gerät? In der Regel ja, bei nachgewiesener Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung.
- Ist der ColorTest 2000 auch aktuell noch sinnvoll? Ja, besonders wenn du ein robustes, dediziertes Gerät suchst.
- Wie hält die Batterie? Bei normaler Nutzung reicht eine Ladung mehrere Tage.
Jetzt bist du dran
Hast du selbst Erfahrungen mit Farberkennungs-Apps, dem Colorino, Cobolt oder neueren Geräten gemacht? Nutzt du den ColorTest 2000 auch oder schon ein Nachfolgemodell? Schreib mir gerne in die Kommentare – ich lese und antworte auf jeden persönlich!

Ja leider funktioniert das mit den Apps nicht
Trotzdem versuche ich es jedes Mal wenn ich ein neues Smartphone in die Hand bekomme ob sich etwas verbessert hat. Doch das Umgebungslicht hat einfach noch immer zu viel Einfluss und keine App bekommt es hin dieses rauszurechnen.
Ich bin immer wieder erfreut mir damals so ein klasse Gerät geholt zu haben und nicht ausversehen wie ein Pfau herum zu laufen.
LG
Stephan
Schade eigentlich, dass die Apps auf dem Handy da so lichtempfindlich sind. Das wäre sicher die deutlich günstigere und für viele auch praktischere Variante. Aber umso schöner, dass du auf der Messe dein Hilfsgerät gefunden hast - und dass es sogar Geldscheine erkennen kann, finde ich mega.
Liebe Grüße von Miriam von www.nordkap-nach-suedkap.de
schade, dass die App nicht so recht funktioniert hat. Und toll, dass es eine andere Möglichkeit gibt - ich bin jedes Mal beim Lesen deiner Beiträge erstaunt darüber, was es alles an Hilfsmitteln gibt.
Herzlichen Gruß
Anja von STADT LAND WELTentdecker
Ich bin erstaunt, was es so alles gibt. Farben erkennen????? Durch deine Beiträge habe ich schon einiges gelernt und manchmal denke ich - du „siehst“ mehr wie ich.
Lg Ute reist
Alles Liebe, Katii